GMG‑Eckpunkte: Auf der Biotreppe geht es in die Vergangenheit während der Markt längst von morgen spricht
Die GMG‑Eckpunkte laufen der Marktrealität hinterher und setzen auf Übergangsmodelle, die den technologischen Fortschritt und die Dekarbonisierung im Bestand eher bremsen als stärken. Während Öl- und Gasheizungen einbrechen und Wärmepumpen sowie PV boomen, verhindern hohe Kosten, Netzhürden und Bürokratie eine schnelle Dekarbonisierung des Bestands. Resiliente Lösungen wie Wärmepumpen, Photovoltaik, Contracting und Mieterstrom zeigen dagegen, wie die Transformation tatsächlich gelingen kann.
Die Eckpunkte des Gebäudeenergiegesetzes (GMG) werden als „großer Schritt“ für die Wärmewende verkauft. In Wahrheit sind sie vor allem eines: ein politischer Kompromiss, der die Vergangenheit konserviert, statt die Zukunft zu gestalten. Während sich der Markt längst in Richtung elektrischer, erneuerbarer Systeme bewegt, vernachlässigt Frau Reiche und die Koalition ihre Steuerungspflicht.
Die Fakten sind eindeutig: Der Absatz von Öl‑ und Gasheizungen ist eingebrochen, während Wärmepumpen in 2025 massiv zulegten. Die Kund*innen haben verstanden, was auf dem Spiel steht: fossile Energien bedeuten Preisrisiko, Abhängigkeit und Unsicherheit. Doch die GMG‑Eckpunkte tun so, als müsse man diese fossilen Optionen um jeden Preis „retten“ – mit Ausnahmen, Hybridkonstruktionen und Übergangsfristen, Biotreppen, die den eigentlichen Strukturwandel bremsen.
Besonders fatal ist das vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage. Der Iran‑Konflikt und andere Krisenherde zeigen kurz nach Veröffentlichung der Eckpunkte gnadenlos: Wer sich auf globale fossile Märkte verlässt, macht seine Wärmeversorgung zum geopolitischen Spielball. Genau jetzt wäre ein klares, kompromissloses Signal für Resilienz, Elektrifizierung und Dezentralität nötig. Stattdessen bekommen wir ein Regelwerk, das vor allem eines signalisiert: Angst vor klaren Entscheidungen.
Die GMG‑Eckpunkte sind damit weniger Bauplan für eine zukunftsfähige Wärmeversorgung als Bedienungsanleitung für ein „Weiter so“ mit angezogener Handbremse.
Dekarbonisierung im Wohnungsbestand: Der Wille ist da – die Politik baut die Hindernisse
Wer heute Wohngebäude dekarbonisieren will, scheitert in der Regel nicht am fehlenden Bewusstsein, sondern am System. Die Hemmnisse sind seit Jahren bekannt – und die GMG‑Eckpunkte schaffen es dennoch, genau an diesen Stellen nicht konsequent zu liefern.
- Investitionen: Hohe Hürden, wackelige Zusagen
Wärmepumpen, PV, Netzausbau, Sanierungen – die Investitionen sind erheblich. Wohnungsunternehmen und Eigentümer brauchen Verlässlichkeit, keine Förder- und Regelungslotterie. Statt langfristig stabile Rahmenbedingungen zu setzen, bleiben Förderkulissen und regulatorische Vorgaben ein bewegliches Ziel. Planung auf 15–20 Jahre trifft auf politische Halbwertszeiten von Legislaturperioden – ein Risiko, das viele Investitionen bremst.
- Netzengpässe: Elektrifizierung ohne Infrastruktur
Alle reden von Elektrifizierung, aber kaum jemand von den Netzen, die sie tragen sollen. In vielen Quartieren sind die Verteilnetze am Limit; Anschlusskapazitäten fehlen oder sind nur mit langwierigen und teuren Ausbauten zu bekommen. Die GMG‑Eckpunkte sprechen zwar von Zielen, aber nicht von der harten Voraussetzung: Ohne massiven, priorisierten Netzausbau ist die Wärmewende im Bestand ein theoretisches Planspiel.
- Sanierungsstau: Komplexität statt Skalierung
Der Gebäudebestand ist heterogen, die Sanierungsfälle sind komplex – gerade im Bestand der Wohnungswirtschaft. Anstatt standardisierte, skalierbare Lösungswege zu etablieren, produziert die Regulierung kleinteilige Pflichten, Fristen und Ausnahmen. Das Ergebnis: Individualproblemlösung statt industrieller Transformation. Wer hunderte oder tausende Einheiten dekarbonisieren will, braucht einfache, wiederholbare Modelle – nicht Interpretationsspielräume.
- Fachkräftemangel: Wärmewende ohne Hände
Die Wärmewende scheitert zunehmend an wachsender Nachfrage und knapper Umsetzungskapazität. Installateure, Planungsbüros, Energieberater, Netzexperten – überall fehlen Fachkräfte. Trotzdem bleibt dieses Thema in den GMG‑Eckpunkten eine Randnotiz. Regulierung, die zusätzliche Komplexität schafft, ohne die Umsetzungskapazitäten mitzudenken, ist nicht nur wirkungslos – sie ist kontraproduktiv.
- Bürokratie: Wenn Aktenordner wichtiger sind als CO₂‑Reduktion
Genehmigungsverfahren, Abstimmungen mit Netzbetreibern, Förderbedingungen, Dokumentationspflichten – die Realität von Dekarbonisierungsprojekten ist ein Bürokratiemarathon. Die GMG‑Eckpunkte reduzieren diese Belastung nicht, sie erhöhen sie.
Damit entsteht ein grotesker Widerspruch: Auf der Bühne wird Tempo gefordert, im Maschinenraum werden zusätzliche Bremsen eingebaut.
Die bittere Wahrheit: Die Politik erklärt die Dekarbonisierung zur Pflicht, verhindert sie aber durch ihre eigene Komplexität. Die GMG‑Eckpunkte sind ein Paradebeispiel für diesen Widerspruch.
Lösungen liegen auf dem Tisch: Wärmepumpe, PV, Contracting, Mieterstrom – und der Mut zur Klarheit
Während die Regulierung zaudert, hat der Markt längst angefangen, Fakten zu schaffen. Die Bausteine für eine resiliente, dekarbonisierte Wärmeversorgung sind da – sie müssen nicht erfunden, sondern skaliert werden.
Wärmepumpe & PV: Von „Nice-to-have“ zu kritischer Infrastruktur
Wärmepumpen und Photovoltaik sind keine idealistischen Prestigeprojekte, sondern knallharte Resilienztechnologien. Sie bieten:
- lokale, berechenbare Energie statt fossiles Roulette
- deutlich geringere Abhängigkeit von geopolitischen Krisen
- langfristig stabilere Betriebskosten im Vergleich zu fossilen Systemen
- echte CO₂‑Reduktion statt Rechentricks und Übergangsquoten
Mit jeder weiteren Krise wird klarer: Wer heute noch neue fossile Systeme verteidigt, verteidigt nicht Versorgungssicherheit, sondern Unsicherheit.
Contracting: Dekarbonisierung ohne Investitionsschock
Contracting ist das Gegenmodell zur Investitionsblockade. Professionelle Partner finanzieren, bauen und betreiben die Anlagen, während Eigentümer planbare Wärmepreise und moderne Technik erhalten. Gerade für größere Bestände ist das der pragmatische Weg, aus der „Wir würden ja, aber…“-Schleife auszubrechen.
Statt Contracting gezielt zu erleichtern, produziert die Regulierung jedoch Unsicherheiten bei Langfristverträgen, Pflichten und Zuständigkeiten. Hier liegt ein riesiger Hebel, der politisch kaum genutzt wird.
Mieterstrom: PV im Mehrfamilienhaus – heute, nicht morgen
Mieterstrom ist einer der direktesten Wege, um Mieter*innen an der Energiewende zu beteiligen und gleichzeitig Bestandsgebäude wirtschaftlich aufzuwerten. Er senkt Energiekosten, erhöht Akzeptanz und erschließt Dächer, die sonst brachliegen würden. Die Herausforderungen sind bekannt: komplizierte Abrechnung, regulatorische Hürden, steuerliche Fragen. Aber statt jene Hürden konsequent abzubauen, bleiben sie bestehen – und zwingen viele Akteure in die Zuschauerrolle.
Netzausbau & Entbürokratisierung: Die harte Basis
Wer ernsthaft dekarbonisieren will, muss zwei unangenehme Wahrheiten akzeptieren:
- Ohne massiven, prioritären Verteilnetzausbau wird die Wärmewende im Bestand scheitern.
- Ohne radikale Entbürokratisierung werden wir das notwendige Tempo niemals erreichen.
Beides adressieren die GMG‑Eckpunkte nicht mit der notwendigen Klarheit. Stattdessen wird an Details geschraubt, während die strukturellen Voraussetzungen unangetastet bleiben.
Fazit: Die Politik verwaltet den fossilen Ausstieg – der Markt gestaltet die Zukunft
Die GMG‑Eckpunkte sind ein Symbol für die aktuelle Schieflage: Die Politik betont die Dringlichkeit der Dekarbonisierung, schafft aber Rahmenbedingungen, die den Wandel verlangsamen. Der Markt dagegen – von der Wohnungswirtschaft bis zu Energiedienstleistern – zeigt, welche Lösungen funktionieren: Wärmepumpen, PV, Contracting, Mieterstrom und standardisierte Sanierungs- und Quartierskonzepte.
Wer heute noch ernsthaft glaubt, die Zukunft der Wärmeversorgung sei mit fossilen Übergangspfaden zu sichern, argumentiert gegen die Realität.
Die eigentlichen Treiber der Dekarbonisierung sind nicht die Paragraphen der Eckpunkte – sondern die Unternehmen, die trotz dieser Regulierung den Bestand umbauen.
Wenn wir die Wärmewende wirklich schaffen wollen, brauchen wir keine weiteren Übergangsmodelle, sondern einen klaren Bruch: konsequente Priorisierung von Resilienztechnologien, radikalen Bürokratieabbau und Rahmenbedingungen, die diejenigen belohnen, die handeln – nicht diejenigen, die zögern.
Über den Autor

Matthias Temborius
Matthias Temborius ist Co-Founder bei empact und unter anderem verantwortlich für die Dekarbonisierung von Bestands-Wärmenetzen sowie die zukunftsfähige Gestaltung von Gebäuden mit innovativen Energielösungen.
Über empact
empact ist ein Energy-as-a-Service-Anbieter, der Immobilienunternehmen bei der Dekarbonisierung unterstützt – in der Kombination einer vollkommen elektrischen Energieversorgung aus Wärmepumpen, Photovoltaik und Ladefinfrastruktur sowie innovativen Betriebs‑ und Finanzierungsmodellen für eine wirtschaftliche, skalierbare Transformation.



